Fokusgruppe "Medien"

Die Fokusgruppe „Medien“ befasst sich mit den wechselseitigen Beziehungen von Religion, Sinnen und Medien. Sie untersucht, wie materiell fassbare aber auch immaterielle Objekte zusammen mit den Sinnen Teil der religiösen Praxis sind. Auf der anderen Seite geht es ferner darum, jene Prozesse zu verstehen, in denen die Objekte und Sinneserfahrungen ihrerseits von religiöser Bedeutung geprägt und als religiös kommuniziert werden. Die Untersuchung der Beziehungen zwischen Religion, Sinnen und Medien erfolgt mit einem Doppelfokus: Einerseits vergleichend und auf die Entwicklung innerhalb religiöser Traditionen fokussierend, andererseits relational mit dem Blick auf interreligiöse Perspektiven. In dieser Hinsicht konzentriert sich die Untersuchung auf die drei folgenden miteinander verbundenen Themenschwerpunkte: 1) die normative Dimension der Medien, 2) die Medienwahrnehmung und der Medienkonsum sowie 3) die Verflechtung von Mediengattungen.

  1. Der erste thematische Schwerpunkt konzentriert sich auf die Breite der Medien in Bezug auf Sinnesreize und ihr religiöse Potential. Als Frage formuliert: Wie soll z. B. ein Objekt aussehen, klingen, riechen oder sich anfühlen, um eine entsprechende physiologische Reaktion auszulösen und religiöse Erfahrung zu schaffen? So kann z. B. die Missachtung spezifischer ikonografischer Vorschriften beim Herstellen hinduistischen Götterbildern die Wirksamkeit des Darsán-Rituals, wonach Anhänger Augenkontakt mit dem abgebildeten Gott herstellen, einschränken.  Es wird angenommen, dass die Anhänger/innen vom Blick der Gottheit berührt werden, dadurch gesegnet sind und ihrer Befreiung vom unaufhörlichen Kreislauf der Wiedergeburten einen Schritt näher kommen. Die Forschungsgruppe untersucht Mechanismen, mit denen Objekte und ihre Sinneswirkung als religiös effektiv anerkannt werden. Dabei wird der Rolle interreligiöser Begegnungen bei dieser Form von Anerkennung (oder Ablehnung) besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
  2. Der zweite thematische Schwerpunkt konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Objekten und ihrer Wirkung auf die Sinne sowie auf den Wahrnehmungsakt selbst. Der Medienkonsum jedwelcher Art bindet die Sinne ein: Ein Buch zu lesen oder eine Sendung zu hören, hängt von der menschlichen Wahrnehmung ab. Die Sinne selbst agieren dabei als Zwischenmedium oder als Erweiterung des Primärmediums. Die Wahrnehmung unterstreicht dabei die Rolle der Materialität des Mediums: Das Lesen eines Buches beschränkt sich eben nicht nur darauf, den geschriebenen Text zu verstehen, sondern auch, das Gewicht des Buches zu spüren, das Papier zu riechen und die Besonderheiten des Schreibens zu erkennen. In dieser Hinsicht interessiert sich die Forschungsgruppe insbesondere für die Art und Weise, in der und durch die die Interaktion zwischen einem Praktizierendem und einem Objekt innerhalb des physiologischen Bereichs verankert wird, der für das religiöse Feld als relevant verstanden wird. Das hinduistische Prasada-Ritual ist ein interessantes Beispiel für eine Sinneserfahrung, die nach einer Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen als religiös artikuliert wird. In bestimmten hinduistischen Traditionen wird Essbares, nachdem sie einer Gottheit angeboten wurden, zwischen den Brahmanen und den Anhängern verteilt. Diese Praxis wird von nicht-theistischen Traditionen (des Hinduismus‘) kritisiert. Die Priester gelten demnach als Diebe, welche die frommen Opfergaben sich zu ihrem eigenen Wohl aneigneten. Als Reaktion auf diese Anschuldigung wurde eine Lehre zur Bedeutung des Essens entwickelt, wonach Prasada durch die vorherige Verkostung an eine Gottheit geheiligt wird und dann von den Anhängern als Segen gegessen wird. 
  3. Der dritte Themenschwerpunkt untersucht jene Fälle, in denen Medien unterschiedlicher Art in religiösen Kontexten zusammengeführt werden. Man kann sich zum Beispiel eine Sonntagsmesse in einer römisch-katholischen Kirche vorstellen, die von einem Priester gefeiert wird, der die Predigt von einem iPad liest. In diesem Fall gilt Religion als „practice of mediation between humans and the professed transcendent that necessarily requires specific material media, that is, authorized forms through which the transcendent is being generated and becomes somehow tangible”.  In der religiösen Praxis werden solche materiellen Medien wiederum in Umgebungen verwendet und betrieben, die ihrerseits viele Sinne anspricht, um eine transzendente oder göttliche Präsenz hervorzurufen. Mit anderen Worten, materielle Objekte und die menschlichen Sinne sind in der religiösen Praxis auf sehr spezifische Weise miteinander verwoben - eine Verflechtung, die Birgit Meyer als „sensational forms“ bezeichnet hat. Diese Formen entwickeln sich im Laufe der Zeit innerhalb der einzelnen religiösen Traditionen. Darüber hinaus entwickeln sich religiöse Traditionen über ihre „sensational forms“ hinaus, die als charakteristisch und typisch für eine bestimmte Religion wahrgenommen werden. In diesem Zusammenhang wird sich die Gruppe mit der Frage befassen, inwieweit „sensational forms“ in der vergleichenden Forschung als nützliche tertium comparationis angesehen werden können.

Vor diesem drei Hintergrundfolien widmet sich die Fokusgruppe insbesondere den Zeiten des Medienwandels und den einhergehenden intra- und interreligiösen Diskursen über solche Veränderungen sowie den Auswirkungen eines sich wandelnden Medienumfelds auf die „sensational forms“. Es werden sowohl historische als auch zeitgenössische Beispiele betrachtet - wie die Einbeziehung von Schriftelementen zusätzlich zu (oder als Ersatz für) mündliche Formen oder die Einbeziehung audiovisueller und digitaler Medien in die religiöse Praxis. Medienveränderungen werfen wiederum Fragen nach der Sinnesqualität der jeweiligen neuen Medien und der religiösen Wirksamkeit des neuen Mediums auf, mit der sich die Gruppe befasst.
 

[1] Eck, Diana. 1998 [1981]. Darśan: seeing the divine image in India (3rd ed.). New York: Columbia University Press.
[2] Davis, Richard. 2001. Indian Image-Worship and its Discontents. In: Assmann, J. and Baumgarten, Albert I. (Eds.): Representation in Religion. Studies in Honor of Moshe Barasch. Leiden: Brill, p. 107-132.
[3] Meyer, Birgit. 2013. Material Mediations and Religious Practices of World-Making. In: Lundby, Knut (Ed.): Religion across media. From early antiquity to late modernity. New York: Peter Lang, p. 1-19, here: p. 8.