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KHK-Fellow-Interview: "Substantieller Einfluss"

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Ende März 2020 endet die zweite Förderphase des Käte Hamburger Kollegs "Dynamiken in der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa". Als größtes Forschungsvorhaben mit internationaler Reichweite hat es das Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) in den letzten zehn Jahren enorm geprägt. Zeit also, um in den nächsten Monaten etwas zurück und etwas nach vorne zu blicken und Gastwissenschaftler/innen des KHK zu Wort kommen zu lassen. Im siebten Interview der Reihe kommt der Stephen Berkwitz zu Wort. Er ist Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Buddhismus an der Missouri State University. Der passionierte Borussia-Dortmund-Fan war sowohl 2011 als auch 2017 Gastwissenschaftler am Käte Hamburger Kolleg. In Bochum untersuchte er vor allem den Religionskontakt zwischen der buddhistischen Bevölkerung Südindiens und portugiesischen Seefahrer und Missionaren in der Frühen Neuzeit.

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Wie sind Sie das erste Mal mit dem Käte Hamburger Kolleg in Kontakt gekommen?

Ich bin erstmals mit dem Käte Hamburger Kolleg „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“ in Kontakt gekommen als ich 2008 zur Auftaktkonferenz nach Bochum eingeladen wurde. Ein paar Jahre später wurde ich dazu ermutigt, am KHK zu forschen und das tat ich 2011 zum ersten Mal. Später, nachdem die Fellowship-Voraussetzungen abgeändert wurden, habe ich mich für einen zweiten kürzeren Forschungsaufenthalt beworben, den ich 2017 absolvierte.

Wie war Ihr Forschungsaufenthalt in Bochum? Und worum ging es in Ihrem Forschungsprojekt?

Mein Forschungsaufenthalt in Bochum war ganz wunderbar! Es ist selten für Religionswissenschaftler aus den Vereinigten Staaten, die Möglichkeit zu erhalten, in Europa zu leben, um mit einer Gruppe von gleichgesinnten internationalen Kolleg*innen zu forschen. Mein erstes Projekt war zur portugiesischen Entdeckung des Buddhismus innerhalb Asiens im 16. und 17. Jahrhundert. Mein zweites Projekt untersuchte die Vorstellung des heiligen Königtums im mittelalterlichen Buddhismus Sri Lankas.

Inwiefern trägt Ihr Forschungsthema zu einem besseren Verständnis von religiösen Dynamiken und Religionskontakten bei?

Ich glaube, meine zwei Forschungsprojekte tragen dazu bei, die religiösen Dynamiken und Kontakte zu verstehen, weil sie die Begegnungen zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften in den Blick nehmen und damit die einhergehenden kulturellen und ideologischen Veränderungen. Die Prozesse zu erforschen, mit denen portugiesische Missionare und Beamte den Buddhismus in verschiedenen Teilen Asiens wahrnahmen und über ihn schrieben, half mir zu verstehen, wie Europäer zuerst ein vergleichendes und oft zugleich abwertendes Verständnis von asiatischen Religionen entwickelten. Diese Geschichte bildet die Hintergrundfolie für die buddhistischen Bemühungen, sich selbst zu verteidigen und ihre religiösen Traditionen in der Frühen Neuzeit und Moderne zu reformieren. Und die Erforschung der buddhistischen Vorstellung des heiligen Königtums bietet ein gutes Beispiel für den Transfer, weil buddhistische Autoren hinduistische Konzepte von Königtum in ihre eigenes eingebaut haben. In meiner Forschung sehe ich, dass es eine Lücke zwischen politischer Rhetorik und dem kulturellen Ausdruck über Religionsgrenzen hinweg gibt.

Was charakterisiert das KHK im Vergleich zu anderen Forschungsinstitutionen?

Das Bochumer KHK ist einzigartig in seiner Interdisziplinarität und seinem internationalen Aufbau, bei dem Forscherinnen und Forscher zusammenkommen, um bestimmte Dynamiken zu erörtert, die in verschiedenen religiösen Kulturen und Traditionen gefunden werden. Statt dem Area-Studies-Modell zu folgen, ist das KHK Bochum erfolgreich darin, einen Ort zu bieten, der hochqualitative Forschung und den Austausch zwischen Fachleuten ermöglicht, die in unterschiedlichen Feldern arbeiten. Hinzu kommt, und das ist ein großer Verdienst, dass das Kolleg eine aktive Publikationsreihe unterhält und Workshops organisiert, um die Forschung, die hier unternommen wird, weiterzutragen.

Hat die Forschung und theoretische Arbeit am KHK Ihre Forschung beeinflusst?

Der Einfluss des Bochumer Kollegs auf meine eigene Forschung ist substantiell und das zeigt sich in meinem Interesse, wenn immer es möglich ist, zu meinen Kolleg*innen hier zurückzukommen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Es hat meinen Spielraum in der Forschung erweitert, so dass ich jetzt meine Kolleg*innen in Europa mehr zur Kenntnis nehme. Es hat auch dazu geführt, dass ich an etlichen Konferenzen und Buchprojekten teilgenommen habe – Möglichkeiten, die ich ohne meine Forschungsaufenthalte in Bochum nie erhalten hätte.

Es ist jetzt viel wahrscheinlicher, dass ich Religionen thematisch untersuche und dabei das dynamische Wesen von religiöser Identität und den Begegnungen zwischen Religionen herausarbeite. Und jetzt besuche ich auch vermehrt kleinere Konferenzen und Workshops, auf denen es wie in Bochum darum geht, Forschung zu diskutieren und zu verbreiten. Ich mag es, speziell an Tagungen teilzunehmen, die thematisch organisiert sind und nur eine kleine Anzahl an Fachleuten einladen, die alle einen Vortrag halten.

Zuletzt der Blick über den Horizont in die Zukunft: Das KHK Bochum mag zeitlich begrenzt sein, aber wie sollte Religionswissenschaft z. B. in etwa zehn Jahren mit Religionsgeschichte umgehen?

Ich würde gerne sehen, dass sich Religionswissenschaft in die Richtung entwickelt wie der Weg vom KHK Bochum eingeschlagen wurde. Kollegiale Forschung in einem internationalen Umfeld kann nur der Entwicklung des Faches helfen. Ich glaube, dass es notwendig für Religionswissenschaftler*innen ist, das dynamische Wesen ihres Forschungsgegenstandes weiterhin zu theorisieren. Themen wie Abgrenzung, Inklusion, Gender, Metaphern, Traditionen, Reinheit usw. bleiben wichtig für die Forschung in diesem Bereich. Es wäre für die Forschungscommunity zudem gut, wenn neue Themen aufkommen, die dann wiederum zur interdisziplinären und kulturübergreifenden Forschung einladen. Themen wie Diskurs, Macht, Sexualität und andere sind nicht auf Religion beschränkt - aber sie zeigen, wie Aspekte von Religion mit anderen sozialen Phänomenen verwoben sind. Und es wird wertvoll sein, diese Beziehungen zu untersuchen.

Interview & Übersetzung von Ulf Plessentin