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Wechselwirkungen jüdischer, hellenistisch-römischer und christlicher Ethiken in der antiken Gesellschaft

Im Rahmen des Forschungsjahres 2008-2009 soll der Schwerpunkt der Arbeit am vorliegenden Projekt einerseits auf der Frage des sog. Todesrechts liegen. Die letzte ausführliche Untersuchung im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema, vorgelegt von Hermann Schulz unter dem Titel "Das Todesrecht im Alten Israel" [1969], liegt ebenfalls schon fast 40 Jahre zurück. Seither wurde wiederholt die These vertreten, dass die Todesrechtssätze nicht wörtlich als Hinweise auf die Androhung einer realen Todesstrafe, sondern im Sinne einer bloßen Indikation der Schwere eines Vergehens ohne konkrete rechtliche Folge zu verstehen seien (z.B. Erhard S. Gerstenberger, "Apodiktisches" Recht? "Todes"Recht? [in P. Mommer u.a., Gottes Recht als Lebensraum, 1993]. Die damit aufgeworfene Frage gilt es zu klären. In diesem Zusammenhang ist auch das Problem der Bedeutung der Präposition Beth im Spruch Gen 9:6a einer begründeten Lösung zuzuführen, da bei einem nicht-kausalen Verständnis der Präposition zusammen mit der nicht-wörtlichen Interpretation der sog. Todesrechtssätze die Todesstrafe gänzlich aus dem Alten Testament verschwindet. Die Behandlung der Frage der Todesstrafe ist v. a. deshalb von Bedeutung für eine Untersuchung der Ethik im Alten Testament, weil sie einerseits einen wesentlichen Aspekt des materialen Themas des "Strafrechts" bildet, und weil sich an ihr - unabhängig vom konkreten Verständnis der Todessrechtssätze - Priorisierungen und Gewichtungen im Blick auf die Frage, welche Verhaltensweisen als falsch galten, ablesen lassen. Berührungen ergeben sich in diesem Bereich auch zur Frage der "Reinheit", indem Begriffe, die im Zusammenhang mit der Reinheitsthematik auftauchen, sich im Bereich des sog. Todesrechts wieder finden. Dass selbst bezüglich der konkreten Ebene politischen Handelns die Frage der Todesstrafe brisant ist, muss nicht besonders hervorgehoben werden, und gilt, wie am Beispiel der USA ersichtlich, selbst für die westliche Welt. Einen zweiten Schwerpunkt - vor dem Hintergrund der Diskussion um das Vorhandensein bzw. um die Rolle einer ("attraktiven"!) Gebotsethik im Neuen Testament - bildet die Frage nach der Rezeption vorgegebener Handlungsanleitungen in Form von Geboten durch die Gemeinde bzw. ihre Vertreter außerhalb des Erzählrahmens, in den der Erlass der Gebote innerhalb des Alten Testaments eingebettet ist. Paradigmatisch kann dabei auf Neh 13,1-3 verwiesen werden, wobei die Trennung von "den Fremden" im weiteren Kontext verstanden wird als eine Selbstreinigung der Gemeinde und eine Reinhaltung ihres "Samens"; womit wiederum eine Beziehung zum Themenfeld der "Reinheit" gegeben ist. Es soll untersucht werden, ob das im genannten Text zutage tretende Muster des Umgangs mit vorgegebenen Geboten auch sonst innerhalb des Alten Testaments zu finden ist, und inwiefern sich hier ein Modell für die analoge Aufnahme vorgegebener, als verbindlich qualifizierter Tora auch im Neuen Testament finden lässt. Damit könnten im weiteren auch Hinweise auf die systematisch-ethische Fragestellung gewonnen werden, in welcher Weise alttestamentliche Ethik im besonderen und biblische Ethik im allgemeinen für gegenwärtige ethische Herausforderungen fruchtbar in den Diskurs eingebracht werden können. In je unterschiedlicher Weise spielen sowohl in der Frage des sog. Todesrechts wie auch im Blick auf die inneralttestamentliche Gebotsrezeption die Dynamiken der kulturübergreifenden Religionsgeschichte eine wichtige Rolle, indem zu untersuchen ist, inwiefern verwandte Erscheinungen im altorientalischen Umfeld Israels mit den am israelitischen Material erhobenen Beobachtungen in Beziehung zu setzen sind.

In Entsprechung zu einem der grundlegenden Forschungsziele des IKGF soll in allen Schritten sowohl der ersten Untersuchungsstufen wie auch des weiteren, über die einjährige Forschungsphase hinausgehenden Projekts intensiv auf die Interdependenzen und Vernetzungen zwischen dem Primärgegenstand der Analyse, dem Alten Testament, und den Traditionen im Umfeld Israels eingegangen werden. Ebenso soll die Frage mitbedacht werden, welche Entwicklungslinien sich von den alttestamentlich-israelitischen Verhältnissen zu denjenigen der sich in den neutestamentlichen Texten widerspiegelnden Traditionen ziehen lassen. Ein übergeordnetes Ziel des vorliegenden Projektes liegt darin, neben Beiträgen zur Klärung verschiedener Teilfragen im Bereich des Themenfeldes Ethik im Alten Testament die eingangs erwähnte Lücke in der umfassenden Darstellung einer (traditionell in nicht unproblematischer Weise singularisch gefassten) "alttestamentlichen Ethik" zu schließen und dabei die genannten Aspekte und Perspektiven insofern nötig neu zu bearbeiten und zusammenzuführen. Es ist allerdings klar, dass dieses Ziel nicht innerhalb des Forschungsjahres 2008-2009 selber erreicht werden kann.

Beteiligte Personen