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Gush Emunim und Hamas

Interdependente Evolution zweier fundamentalistischer Bewegungen in einem Konfliktfeld

Zunächst sollen die beiden Bewegungen Gush Emunim und Hamas getrennt voneinander analysiert werden hinsichtlich ihrer strukturellen, ideologischen und strategischen Charakteristika sowie ihrer Praxisformen. Dazu gehören als strukturelle Charakteristika zunächst die Identifikation der Trägermilieus, Formen und Grade der Organisierung und Anhängerschaft. Ideologisch entscheidend sind die Arten der Bezugnahme auf Religion zur Deutung des israelisch-palästinensischen Konflikts und zur Legitimation der eigenen Positionen und Strategien einschließlich der Sakralisierungstendenzen von Territorium und Gewalt. Weiterhin gehören in diese Kategorie die religiös fundierten Gesellschaftsentwürfe in Bezug auf Ethnizität und Geschlechterverhältnisse. Zu den strategischen Praktiken zählen die Formen der Anhängermobilisierung, der Aufbau von sozialen Einrichtungen, die politischen Aktivitäten innerhalb der jeweiligen Gesellschaft und Formen des direkten Eingreifens in den Konflikt. In einem zweiten Schritt sollen die historischen Entwicklungen beider Gruppen untersucht und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Dabei sollen neben den Vorläuferbewegungen insbesondere die konkreten Entstehungskontexte sowie die sich danach vollziehenden Transformationsprozesse berücksichtigt werden, die dann mit den innergesellschaftlichen Wandlungsprozessen einerseits und dem Konflikt andererseits kontextualisiert werden sollen. Schließlich geht es um die wechselseitigen Bezugnahmen und Beeinflussungen beider Gruppen. Dabei kann zwischen direkten und indirekten Formen der wechselseitigen Beeinflussung unterschieden werden: Erstere bestehen aus Reaktionen und Bezugnahmen beider Gruppen auf Aktivitäten oder Äußerungen der jeweils anderen Gruppe; zweitere ergeben sich daraus, dass beide Bewegungen Akteure im Konfliktfeld darstellen; insofern diese durch ihre Aktivitäten Auswirkungen auf das Konfliktfeld haben, wirken diese indirekt auf die jeweils andere Gruppe zurück.

So einleuchtend und fruchtbar das "klassische" Vorgehen einer getrennten Betrachtung unterschiedlicher fundamentalistischer Gruppen auch ist, wird dabei in aller Regel die Frage vernachlässigt, ob und inwiefern Interdependenzen zwischen diesen Gruppen bestehen. Als Untersuchungsobjekt für diese Frage bietet sich der Nahostkonflikt an, wo mit der palästinensischen Hamas und dem israelischen Gush Emunim zeitlich relativ parallel zwei fundamentalistische Bewegungen auftraten, deren Ideologien die Diskurse auf beiden Seiten weit über die eigene Anhängerschaft hinaus bis heute entscheidend prägen und deren politische und militärische Aktionen maßgeblich auf den israelisch-palästinensischen Konflikt einwirken. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, dass diese beiden Bewegungen nicht nur aus einem gemeinsamen historischen Kontext hervorgegangen sind und teils parallele, teils divergierende Entwicklungen durchschritten haben, sondern wechselseitig erheblichen Einfluss auf die jeweils andere Bewegung ausgeübt haben. Diese Hypothese impliziert Wechselwirkungen zwischen Entstehung und Evolution beider Gruppen einerseits und dem Bestehen und den Transformationen des Nahostkonflikts andererseits. Dieses Projekt soll analysieren, ob und inwieweit sich fundamentalistische Bewegungen in einer Auseinandersetzung, die als religiöser Konflikt wahrgenommen wird, ko-evolutiv, d.h. unabhängig voneinander, oder interdependent zueinander entwickelt haben.