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Der "spirituelle Konfuzianismus"

Ein Phänomen der Dialektik der Säkularisierung?

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs haben in China vor allem der Liberalismus und der Marxismus als politische Grundströmungen des westlichen Säkularismus Fuß gefaßt. Nicht erst für die VR China, schon für die Republik China ist dabei eine "moderne" religionsfeindliche Haltung kennzeichnend. In Reaktion auf Liberalismus und Marxismus formiert sich seit der Republikzeit der Neukonfuzianismus, der in Abgrenzung zu seinen Konkurrenten den schultypischen Primat der Ethik zur Geltung zu bringen versucht, und zwar u.a. im Rahmen einer sich spirituell oder religiös verstehenden Adaption der klassischen Lehre. Die konfuzianische Religiosität soll dabei im Unterschied zur biblischen in Immanenz, innerer Transzendenz und der Vorstellung von der "Sakralität des Säkularen" gegründet sein. Die Auffassung, dass der vormoderne Konfuzianismus - wie im Verständnis der europäischen Aufklärung und vieler Konfuzianer selbst - einen säkular ausgerichteten Humanismus verkörpert habe, wird als moderne Verzerrung zurückgewiesen; der säkulare Humanismus der Aufklärungsmentalität sei vielmehr mit den Mitteln des genuinen konfuzianischen Spiritualität zu überwinden. Hierzu schaltet sich der Neukonfuzianismus in den Dialog der Weltreligionen ein. Trotz dieser globalen Orientierung beansprucht er, einen spezifisch chinesischen, nicht-westlichen, a-dihäretischen Typus von Moderne zu vertreten. Hierin adaptiert und beliefert er entsprechende Theorien der westlichen Soziologie, die fragen, ob "Säkularisierung" tatsächlich mehr beschreibt als nur einen Sonderweg aus dem Einflußbereich "transzendenter" Religionen. Tatsächlich aber decken sich zentrale Positionen des Neukonfuzianismus mit Positionen der westlichen Romantik.

Das Forschungsprojekt soll zunächst die Position des Neukonfuzianismus und seiner westlichen theoretischen "Verbündeten" in der Auseinandersetzung um die säkulare Moderne herausarbeiten. Es soll ferner versuchen, den spirituellen Neukonfuzianismus historisch zu beurteilen und einzuordnen, sowohl in die chinesische Geistesgeschichte wie auch in die moderne Weltgeschichte. Dabei wird der Hypothese nachgegangen, dass die neukonfuzianische Religiosität sich nicht einfach aus der wiedergewonnenen Tradition ergibt, sondern ein typisches, auch aus dem Westen bekanntes Phänomen der Reaktion auf die mittlerweile globale Moderne darstellt. Wir hätten dann mit dem Verlust einer eher areligiösen Tradition zu tun, der mit einer "romantischen" Wendung zum Religiösen beantwortet wird. Das Projekt verfolgt somit die Spuren und die mögliche Logik einer historischen Paradoxie: Während der Konfuzianismus als weltlich verstandene Ethik zunächst Schrittmacherdienste für den Säkularismus der europäischen Aufklärung leistete, führt nun die Aufklärungskritik zu seiner religiösen Aufladung.

Das Forschungsvorhaben soll klären, in welchem Maße das religiöse Moment des Neu-Konfuzianismus ein interkulturelles, der westlichen Säkularisierungsdialektik mit geschuldetes Phänomen ist und nicht die Charakteristik einer eigenständigen chinesischen Moderne. Es untersucht einen möglichen Musterfall einer der Selbstauskunft nach religiösen Bewegung, die kulturelle Authentizität beansprucht und sich tatsächlich erst im modernen globalen Kontakt konstituiert. Zugleich geht es der Frage der kulturübergreifenden Anwendbarkeit des modernen Säkularisierungsparadigmas nach.

Beteiligte Personen