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Attraktivität durch Ethik

Wechselwirkungen jüdischer, hellenistisch-römischer und christlicher Ethiken in der antiken Gesellschaft

Judentum wie Christentum trafen auf eine Faszination im römischen Reich gegenüber religiöser Bewegungen aus dem Osten. Aus diesem "alt-ehrwürdigen", geographisch zu Asien gehörenden Zivilisationsraum erwarteten sowohl die Griechen als auch die Römer traditionell neue kulturelle und religiöse Impulse. Zur besonderen Attraktivität der jüdischen Religion, auf deren Grundlage sich das Christentum entwickelte, gehört bekanntlich der Monotheismus. In diesem Zusammenhang wird hier untersucht werden, wie nicht nur der exklusive Monotheismus, sondern insbesondere seine Verbindung mit einer exklusiven, den ganzen Menschen in seinem Alltag fordernde "Ethik der Hingabe" diese Attraktivität steigerte beziehungsweise auch besondere Ablehnung und Polemik hervorrief. Die jüdische Gebotsethik traf im hellenistisch-römischen Raum auf Kulte, die weniger mit einer dem Willen der Gottheit entsprechenden Lebensführung als vielmehr mit rituell-kultischen Ordnungsgedanken verbunden waren. Andererseits gab es z. B. eine vielfältige Tugendethik, der spätestens seit Augustus eine "staatstragende" und integrative Funktion zukam. Gerade der Pietas konnte dabei eine herausragende Stellung eingeräumt werden. Auch hier wird untersucht, wie jüdische Gebotsethik mit der Tugendethik vor allem der Prinzipatszeit interagieren konnte und wie die Verfasser des Neuen Testaments mit dieser Spannung umgehen. Während traditionell eher die Tugendethik stark gemacht wird, zeigen neuere Forschungsansätze, wie dezidiert die Gebotsethik die Grundlage des Neuen Testaments bildet. Diese wird aber je unterschiedlich mit der hellenistisch-römischen Tugendethik verbunden. Diese Fragestellung ist bis jetzt kaum bearbeitet und verspricht, ein neues Forschungsfeld für das Neue Testament zu eröffnen. Durch die interdisziplinäre Verschränkung mit Altertumswissenschaften und Jüdischer Geschichte sind ganz neue Forschungsperspektiven nicht nur auf die neutestamentliche Ethik zu erwarten.

In diesem Projekt soll erforscht werden, wie die nichtjüdische Umwelt auf die ethischen Überzeugungen des Judentums reagierte und mit welchen nichtjüdischen Reaktionen auf die eigene Toraobservanz jüdischerseits gerechnet worden ist. Die bereits intensiv erforschte Faszination und Attraktivität des Judentums auf seine Zeitgenossen um die Zeitenwende sowie deren Ablehnung und Verachtung werden um die ethische Perspektive erweitert. Dabei soll gefragt werden, bei welchen Gruppen und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen in der Antike eine rigorose, unauflöslich mit dem Monotheismus verbundene Ethik attraktiv (beziehungsweise auch abschreckend) sein konnte und ob und wie das frühe Christentum an dieser Attraktivität partizipierte oder diese sogar bewusst für missionarische Zwecke einsetzte. Es wird erwartet, dass Erträge dieser Forschung auch für andere ethische Diskurse fruchtbar gemacht werden können.

Beteiligte Personen