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Attraktion und Repulsion in religiösen Bildakten

Die okzidentale Metaphysik des Bildes, die aus verschiedenen religiösen Konfliktfeldern –Bilderkult und Verwerfung der Götterbilder im antiken Mittelmeerraum, Reliquien- und Ikonenverehrung im Ost- und Westchristentum, Bilder- und Abendmahlstreit während der Reformation – und in steter Auseinandersetzung mit explizit anikonischen Traditionen, namentlich dem Judentum und dem Islam, entstanden ist, geht im allgemeinen von einer genuin konkurrierenden Relation zwischen Visualität und Sprachlichkeit aus, wobei der ontologische Status des Wortes und die Suggestionskraft des Bildes als diskursive Brennpunkte figurieren. In der Perspektive der westlichen Bildertheologie und der ihr vorausgehenden wie nachfolgenden logozentrierten Erkenntnislehre dominiert das Wort als abstraktionsfähiges Zeichen gegenüber dem illustrativen Charakter des Bildes, während in der Bilderlehre der Ostkirche sowie in der späteren säkularen Kunstphilosophie die Unmittelbarkeit der Anschauung als heuristischer Vorteil gegenüber der Sprache gewertet wird. Die gegenwärtigen Bildwissenschaften betonen vor allem die Eigengesetzlichkeiten visueller Sinnerzeugung und -vermittlung gegenüber denen sprachlicher Kommunikation, während die Meinungen darüber, auf welche Weise Bilder und Sprache mentale Prozesse auslösen, übertragen und reflektieren, weithin divergieren. Es ist signifikant, daß die jeweiligen Auffassungen von Dimension, Status und Funktion der visuellen resp. sprachlichen Medien dabei häufig den theologischen und metaphysischen Traditionen verpflichtet bleiben.

Vor dem Hintergrund der aktuellen bildtheoretischen Diskussion soll geprüft werden, inwieweit die religionswissenschaftliche Aufnahme des Begriffspaars „Attraktion-Repulsion“ genauere Einsichten in die abendländisch-christliche Tradition, in die interreligiöse Genese und die intrareligiöse Diskussion des Bildes vermitteln kann. Intendiert sind zunächst Sichtung und Klärung der bildwissenschaftlichen Terminologie im Kontext religionswissenschaftliche Forschung, des weiteren die Erprobung von „Attraktion“ und „Repulsion“ in exemplarischen Analysen religiöser Bildakte und darüber hinaus weitergehende Überlegungen zur Rolle der Bildmedien im interreligiösen resp. religiös-säkularen Kontakt.