RUB » CERES » KHK » Projekte
en

Das sakrale Königtum als virtuelles Vorbild der Mysterienkulte?

Das vorliegende Forschungsprojekt beschäftigt sich mit dem Postulat einer Interdependenz zwischen dem sakralen Königtum und antiken Mysterienkulten, bei denen einer mütterlichen Erdgöttin ein männlicher Paredros zur Seite gestellt ist (z.B. Magna Matter und Attis, Aphrodite und Adonis etc.). Die in den Quellen nur ansatzweise in Anspielungen überlieferten Rituale bei den unsagbaren Mysterien (die aber freilich jeder kannte!) garantierten in gewisser Weise Heilsversprechen und brachten die Menschen dem Göttlichen näher, indem man regelrecht zu Gleichgesindten der Götter wurde. Zudem hat insbesondere Walter Burkert erkannt, dass Geheimkulte stets um das Wesen der Sexualität als Grundlage der Fortpflanzung kreisten und damit im engsten Sinne um die Kreation neuen Lebens. Mit dieser Perspektive hängt schließlich untrennbar zusammen, dass letztlich alles, was sich im Intimbereich der Frau abspielte, als unsagbares Mysterium galt. Dazu gehörte naturgemäß der Geburtsvorgang. In diese Überlegung fügt sich, dass eine Reihe von Mysterienkulten in enger Verknüpfung mit Göttergeburten stehen, die wiederum häufig kontextuell mit den Gräbern der entsprechenden Götter verbunden sind (vgl. Cic. Tusc. 1,29), wobei diese gemäß dem Vegetationszyklus sterbenden und wieder auflebenden dying gods schließlich zum Vorbild für Initiationsriten gereichten.

Gemeinsam ist sowohl dem sakralen Königtum als auch den genannten Mysterienkulten ein Thronsetzungsritual, das bei letzteren mit den seltenen Wörtern thronosis bzw. thronismos belegt ist und den Anfang oder die Geburt in das Mystendasein bewirkt. Ebenso erhält der König zum Zeichen, dass er in seinem neuen Status als anderes Wesen regelrecht neugeboren ist, bei seiner Einthronung einen Thronnamen. Da es mithin der Thron ist, der den darauf Platznehmenden in seinen neuen Stand erhebt, ließ sich – durch zahlreiche literarische wie archäologische Quellen unterstützt – der Thron selbst als Abstraktion einer Muttergottheit begreifen, auf deren Schoß der König oder der neugeborene Myste Platz nimmt.

Doch nicht nur der Geburts-, sondern auch der Zeugungsvorgang spielte sich im Intimbereich der Frau ab und konnte dementsprechend als Mysterium begriffen werden. Tatsächlich werden die Zeremonien bei der Königserhebung mit einer heiligen Hochzeit, bei der die Königin als oberste Priesterin der Palastgöttin diese vertritt, abgeschlossen. Durch diese unio mystica mit der das jeweilige Land personifizierenden Lokalgöttin nimmt der König dieses (im Ritual wohl durch die Krönung dramatisiert: die Krone als Brautkranz?) abstrahiert durch den Thron gewissermaßen in „Be-Sitz“ und ist damit in seiner Herrschaft darüber göttlich legitimiert. Ebenso lassen sich als Zielpunkt einer Mysterienweihe auch teletai nachweisen, die vielleicht korrekt gerade mit „Hochzeit“ wiedergegeben werden müssen (vgl. z.B. Lukian. Alex. 38f., wo neben der Geburt ein hieros gamos zum elementaren Bestandteil eines Mysterienkultes zählt, ja diesen abschließt). Verschiedene Anzeichen legen es nahe, dass sich diese unio mystica gewissermaßen inzestuös mit der eigenen Mutter, aus der der Throner durch das Ritual der Thronsetzung unmittelbar vorher sozial geboren wurde, vollzog, was mit ein Grund für die Unsagbarkeit der kultischen Übung gewesen sein dürfte. Wenn nämlich sowohl von Hippias (Hdt. 6,107,1f.) als auch von Caesar (Suet. Iul. 7,2) Träume überliefert sind, die eine Hochzeit mit ihrer Mutter thematisieren, ist damit das Grundmotiv des sakralen Königtums aufgenommen, wie wir es aus den vorderasiatischen oder minoischen Kulturen her kennen. Die literarisch überlieferten Träume entsprechen folglich der Hoffnung, die Alleinherrschaft durch die Einswerdung mit und Inbesitznahme von der lokalen Erdgöttin Athena bzw. Roma zu erlangen. Die Gottwerdung des Menschen durch Geburt aus der göttlichen Erdmutter samt anschließender unio mit ihr im hieros gamos ist m.E. nach dem Muster des sakralen Königtums das Grundmysterium schlechthin, das in monarchischen Gesellschaftsstrukturen dem Herrscher vorbehaltene Erhöhungspotential in nicht-monarchischen Gesellschaftsstrukturen einer breiten sozialen Schicht mit Hilfe der Einweihungsriten in Mysterienkulte zugänglich gemacht wurde.